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Sehestedter Naturfarben

Sehestedter Kaseinleim

 
Wollen wir über Kaseinleim sprechen, so müssen wir mit seinem hohen Alter beginnen. Man weiss, dass altägyptische, griechische, römische und chinesische Handwerker ihn bei ihren feinsten Tischlerarbeiten verwendeten. Verschiedene Museen enthalten Stücke, die wenigstens teilweise mit Kaltleim geklebt wurden. Auf jedenfall steht fest, dass Kaseinleim im frühen Mittelalter für Holzbearbeitung verwendet wurde. Theophilus, von dem eine in das 11. oder 12.Jahrhundert datierte Handschrift in Lucca aufbewahrt wird, gibt ein genaues Rezept zur Herstellung eines wasserfesten Leimes aus Quark und Kalk an. Qark oder Weisskäse getrocknet und gemahlen ergibt Kasein.

Kasein gibt mit jedem alkalischen Stoff einen Leim; und wenn gebrannter oder gelöschter Kalk als solcher dient, wird der Leim außerordentlich wasserfest. Der grosse Nachteil eines solchen Kaseinleimes ist seine kurze Topfzeit. Einmal angerührt bleibt er je nach verwendetem Kasein nur 10 bis 45 Minuten gebrauchsfähig.

Durch Verringerung des Kalkgehaltes kann zwar die Lebensdauer erhöht werden, jedoch nur auf Kosten der Leimkraft und der Wasserfestigkeit.

Vor dem II.Weltkrieg gingen die Amerikaner dazu über, dem Kaseinleim Wasserglas zuzufügen. Bei Anwendung von Wasserglas unterscheidet sich der Kaseinleim von allen anderen Leimen entscheidend. Die Verarbeitungsfähigkeit ist bei bestimmter Alkalität wesentlich länger oder anders ausgedrückt, für eine bestimmte Verarbeitungszeit wird weniger Kalhydrat gebraucht. 

Somit hat es der Anwender selbst in der Hand, die Güte des Leimes zu bestimmen. Gemäß nachfolgender Rezeptur ergibt sich eine Verarbeitungszeit von vier bis 48 Stunden.

Rezept für 1,0 Liter Sehestedter Kaseinleim:

Kasein 200g                 4 VTL 

Wasser 500g                6 VTL

Kalkhydroxid 60-90g   2-3VTL

Wasser 200g                2 VTL

Wasserglas 140g          1 VTL 

VTL = Volumenteile, z.B. ein Eierbecher als ein
Volumenteil ergibt ca. 1/8 Liter fertigen Leim für ca. 0,5 m2 Leimauftrag.

Vier VTL Kasein werden in den künftigen Leimtopf abgemessen. Unter Rühren werden mit einem Löffel 6 VTL kaltes Wasser hinzugefügt. In einem zweiten Gefäss werden 2 bis 3 VTL Kalk mit 2 VTL Wasser gut verrührt.

Nachdem das Kasein nach ein bis zwei Minuten gut durchgesumpft ist, wird die Kalkmilch schnell zum Kasein gegossen (evtl. vorhandenen Löschgries zurückhalten) und kräftig gerührt.
Etwa zwei Minuten nach Vereinigung von Kalk und Kasein, nachdem ein geringes Dickerwerden des Leimes zu bemerken ist, wird das Wasserglas 
- 1 VTL - ebenfalls unter Rühren zugefügt.

Für kleine Mengen genügt als Rührgerät ein Löffel. Für größere Mengen sollte ein Haushaltsknetstab, Bohrmaschineneinsatz o.dgl. benutzt werden.

Ist der Leim nach dieser Methode gefertigt zu dick, kann etwas Wasser hinzugefügt werden. Ebenfalls kann etwas Wasser hinzugefügt werden, wenn der Leim nach einigen Stunden zu sehr eindickt. Ist der Leim jedoch gleich zu Beginn zu dünn, so darf er nicht verwendet werden.

Presszeit

Kaseinleime erstarren verhältnismäßig schnell und ergeben Leimungen, die schon nach einigen Stunden weiter verarbeitet werden können. Bei Hölzern wie Fichte kann man Leimungen von gleicher Festigkeit wie das Holz selbst schon nach 4 Stunden Presszeit erwarten. Bei harten, festen Hölzern, wie Ahorn und dgl., sind 6 Stunden notwendig.

Allerdings braucht man die Leimungen nicht die ganze Zeit unter Druck zu halten; es genügt, 2 Stunden zu pressen, wenn man die Leimungen dann ohne Druck mehrere Stunden abbinden läßt. Obige Zahlen sind die Mindestzeiten, welche eingehalten werden müssen. Falls unbedingt erforderlich, kann man Kaseinleimungen schon nach 4 bis6 Stunden verarbeiten, aber im allgemeinen ist es nicht wünschenswert. Das zweckmäßigste ist, die Leimungen abbinden zu lassen, bis die Feuchtigkeit der Leimung ausgetrocknet ist bzw. sich selbst gleichmäßig über das Holz verteilt hat.

Prüfung der Verleimungen sollten erst nach 5 bis 8 Tagen gemacht werden.

Verfärbung des Holzes durch Kaseinleim

Gewisse Hölzer, wie Ahorn, Eiche, Mahagoni verfärben sich, sobald sie mit Leimen in Berührung kommen, die viel Alkali enthalten. Bei dünnen Funieren oder solchen mit unregelmäßigen, malerischen Fasern hat man häufig Schwierigkeiten, wenn man Kaseinleim anwendet. Ein unbedingt wirksames Gegenmittel ist nicht bekannt. Um den Schwierigkeiten nach Möglichkeit aus dem Wege zu gehen, empfiehlt es sich, den Leim von dicker Konsistenz zu wählen, trockene Zulagen zwischenzuschalten, übermäßige Pressung zu vermeiden und die Hölzer, sobald irgend zulässig, aus der Presse zu nehmen und sofort zum Trocknen zu bringen.

Einmal entstandene Flecken können unter Umständen beseitigt werden, wenn man sie mit einer verdünnten Lösung von Oxalsäure oder Kleesalz oder erst mit einer Natriumsulfitlösung und dann mit Oxalsäure behandelt. Auch die Anwendung von Wasserstoffperoxyd wird empfohlen. Jedenfalls sollen die Chemikalien nach Anwendung sorgfältig herausgewaschen werden, da sonst bei nachfolgendem Beizen, Polieren usw. häßliche Störungen auftreten können.

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