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Sehestedter Naturfarben

Der Naturrohstoff Schellack

Immer wieder stellt sich die Frage, wie war es möglich , daß die Verwendung von nachwachsenden Rohstoffen aus der Natur so in Vergessenheit geraten ist. Wann begannen wir die Surrogate der Naturrohstoffe, die synthetisch hergestellten, zumeist aus Erdöl, das bekanntlich sich nicht regeneriert, einzusetzen? Es soll an dieser Stelle versucht werden, diesen komplexen Vorgang historisch an einem Fallbeispiel zu verdeutlichen, und auf diese Weise eine Rück- aber auch Neubesinnung, im Sinne des heute notwendigen ökologischen Denkens, einzuleiten.

Sehen wir auf den Natur-Rohstoff Schellack. Seit 4000 Jahren ist dieses Edelharz den Chinesen und Indern schon vertraut. Schellack wird gewonnen aus der harzigen Ausschwitzung der Lackschildlaus -cocus lacca-, die in Südasien bestimmte Bäume und Sträucher befällt, deren Äste ansaugt und von deren Säften lebt. Die von den unzähligen Schildläusen ausgeschiedenen Harzmassen umschließen die befallenen Triebe und Äste, bilden um diese herum eine borkenartige, rauhe und dicke Harzschicht von 3-10 mm Dicke, die im Innern zellenartig in die einzelnen Bruträume der Schildläuse aufgeteilt ist. Zur Schellackgewinnung werden die mit der Harzschicht umhüllten Zweige abgeschnitten. Das erhaltene Produkt ist holzhaltiger Stocklack. Dieser wird von den anhaftenden Holzteilen befreit, zerkleinert und mit Wasser gewaschen. Schellack ist also die gereinigte Form des Stocklackes.

Die Engländer, neben den Holländern die ersten wichtigen Exporteure aus Indien (Holländische Ostindische Companie 1600-1798, Britische Ostindische Companie 1600-1858), gaben den Europäern die erste exakte Bezeichnung für das Naturharz Schellack. Unter Shell versteht der Engländer Schale, Hülse, auch Muschelschale oder auch Kruste, so daß shell-lac Schalen- oder Hülsenlack bzw. Krustenlack bedeutet. Das Wort Schellack kann auch dem Ausdruck shelled-lac = abgeschälter Lack entstammen, was einem holzfreien Stocklack gut entsprechen würde.

Das Wort Lack wird abgeleitet aus dem Sanskrit Laksha = hunderttausend(Läuse),oder dem Hindu Lakh oder aus dem Cingaese Lakda. Aber auch in Süd-China gibt es das Wort lac. Tatsächlich waren es wohl die Chinesen, die bei der damaligen hohen Stocklackstufe (2000 v.Chr.), die ganz Ostasien bestimmend beeinflußte, das Schellack-Harz aber insbesondere den Schellack-Farbstoff Lac-dye oder Lac-Lac zum Durchbruch verhalfen. Lac-dye (dye, engl.=Farbstoff) ist eigentlich nur der reine Schellackfarbstoff, der Laccainsäure genannt wird. Er kann in Pulverform gewonnen werden, wenn das Waschwasser des zerkleinerten Stocklackes in flachen Wannen unter Einwirkung der Sonne verdunstet .Der rötlich-violette Schellackfarbstoff Lac-Lac wurde hauptsächlich zum Färben von Seidenstoffen verwendet, da dieser Farbstoff auf Seide fixiert schönes Purpur- oder Scharlachrot aufwies, je nach der angewendeten Färbetechnik. Aber auch zur Einfärbung von Leder wurde er gebraucht. Nachprüfung durch Versuche zeigte, daß sich die schöne Einfärbung mit dem Lac-Dye nur dann ergibt, wenn der wasserlösliche Schellack-Farbstoff mittels Alaunlösung als Lac-Lac ausgefällt, und dann nach Trocknung mit natürlicher Säure (Ameisensäure) wieder aufgelöst und unter Beigabe von Zinnsalz die Farbe auf den Stoffen fixiert wird. Die Sehestedter Kaseinbinderfarbe wird ohne Titanweiß, schon fertig abgetönt mit Lac-Dye als Wandfarbe angeboten, deren Purpurfarbe sich besonders für Kinderzimmer und Klassenräume (bis zur 3.Klasse nach Rudolf Steiner) eignet.

Zurück zu den Alten: Die Inderin verwendete den Lac-Dye auch als Schönheitsmittel, um Lippen, Finger- und Fußnägel, gelegentlich auch Wangen zu färben. In Indochina soll Lac-Dye-haltiger Schellack zusammen mit Betelblättern gekaut worden sein, um schöne violett-schwarze Zähne zu erhalten.

In Europa wird Schellack als Möbelpolitur seit dem 15.Jahrhundert, also seit der Renaissancezeit, zur Verschönerung von Möbeln und Musikinstrumenten verwendet. Derartige Polituren und Lacke konnten erst dann angefertigt werden, nachdem festgestellt war, daß Schellack sich in Alkohol löst. Die Herstellung von Alkohol in genügend hoher Konzentration wurde erst im 15.Jahrhundert allgemein bekannt und gebräuchlich. Also erst seit dieser Zeit enstanden die mit Schellack behandelten Möbel in Europa, deren Schönheit und Haltbarkeit wir noch heute in Museen, alten Schlössern oder auch Sammlungen bewundern. Petersburger Möbellack, Pariser Holzlack und Englische Politur waren Materialien die jeder angesehene Handwerker selbstverständlich benutzte. Auch hier versuchen wir in Sehestedt durch Anfertigung dieser Artikel in Handarbeit nach alten Rezepturen diese Traditionen nicht untergehen zu lassen.

An den indischen Exportzahlen kann Kulturgeschichtliches abgelesen werden. Aber es wird auch der Austausch der Naturrohstoffe, produziert in der jetzigen Dritten Welt, durch die künstlich mit all den bekannten und unbekannten Nebenwirkungen hier in unseren Industrienationen hergestellten Ersatzstoffe deutlich.

Indischer Export von Schellack und Lac-Dye

Jahr Schellack in Kilo Lac-Dye in Kilo
1805 115.000 -
1839 360.000 235.000
1840 300.000 270.000
1868/69 2.185.000 885.000
1878/79 3.225.000 410.000
1888/89 4.700.000 16.000
1899/00 9.750.000 50
1958 60.000.000 -
1964 42.000.000 -
1985 5.127.000 -
1989 5.835.000 50

Sehen wir auf die Exportdaten des Lac-Dye, so fällt der starke Knick in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts auf. Was war geschehen? Anilin wurde 1841 von Fritsche erstmals durch Erhitzen von Kalilauge und Indigo entdeckt (Indigo = Anil,port.). Anilin wurde das wichtigste Ausgangsmaterial bei der Synthese vieler Teerfarbstoffe. Mit einem Schlage war es möglich, viele Farben aus der Natur jetzt künstlich herzustellen. Das Blauanilin und das Rotanilin waren die ersten syntetischen Farben, die fortan den Naturfarben den Garaus machen sollten und das auch auf die Gefahr hin, starke Blutgifte zu sein, die die roten Blutkörperchen zerstörten.

Mit dieser ersten synthetischen Farbherstellung begann der Siegeszug der chemischen Industrie. Ein Chemieriese hat ja noch heut ein A für Anilin in seinem Namen.

Der wunderbare Farbstoff Lac-Dye geriet alsbald in Vergessenheit und erst heute besinnen wir uns wieder auf diesen Natur-Rohstoff.

Der Schellack war nicht so schnell zu vertreiben. In den dreißiger Jahren des 19.Jahrhunderts wurde festgestellt, daß Schellack bei Zugabe von Alkali in Wasser dispergiert werden kann und diese Dispersionen mit Chlorkalklaugen bleichbar sind. Auf Grund dieser Erkenntnisse entstanden Schellackindustrien auch außerhalb Indiens. Plötzlich konnten viele neue Verwendungsmöglichkeiten für Schellack erschlossen werden, besonders für dessen wäßrige Dispersion, z.B. als Seifen und Appreturen.

1860 erfand der Kapitän John Rahtjen in Bremerhaven eine neue, schnelltrocknende Schiffsbodenfarbe für die damals aufkommenden Eisen- bzw. Stahlschiffe. Zwei Anstriche einer Schellack-Kopal-Lösung in Alkohol waren die ersten wirklich brauchbaren Schiffsbodenfarben, die später Patentfarben genannt wurden. Der erste Anstrich mit Eisenoxidrot eingefärbt, der zweite unter Mitverwendung von Quecksilberoxid und Arsenik ausgeführt, verhinderte Algenbildung und Muschelansatz am Schiffsboden.

150 Kilo Schellackfarbe bei dem notwendigen zweifachen Anstrich, der außerdem noch in regelmäßigen Abständen wiederholt werden mußte,waren erforderlich für ein Schiff. Mit einem Kilo guter Unterwasserfarbe konnten nur 4,5 bis 5 m² Bodenfläche gestrichen werden.

Auf Veranlassung des Norddeutschen Lloyd wurde in Bremerhaven eine kleine Fabrik gegründet. Diese belieferte zuerst den Norddeutschen Lloyd, dann die Paketfahrt, anschließend die deutsche Bundesmarine und ab 1871 die Kaiserliche Marine. Ab 1865 wurden auch in England die Rahtjen´schen Patenfarben hergestellt, und von hier begann deren Siegeszug um die ganze Welt, da Schellack von Seewasser nicht angegriffen wird.

Erst nach dem ersten Weltkrieg wurden die Schellackfarben langsam durch die Benzolfarben verdrängt. Aber in den USA gab das US-Flottenamt noch 1933 Spezifikationen für Antifouling Paints auf Schellackbasis für die sogenannte “Norfolk Paints” heraus.Heute belasten riesige Mengen Antifouling-Farben für unsere Freizeit-Armada die Meere und Seen! Es ist Zeit fürs ökologische Umdenken.

Der DRITTE HAUT LADEN hat in den letzten Jahren eine in Sehestedt weiterentwickelte Schiffsfarbe, aufbauend auf der Rahtjen´schen Schellack-Kopal-Farbe, aber ohne algiziden Zusatz, von Seglern in der Ostsee erproben lassen. Tatsächlich fand ein Bewuchs der Boote statt, der sich aber in Grenzen hielt, weil er ständig mit der sich abbauenden Farbe abgeschwemmt wurde.

Wir sind uns jedoch bewußt, daß nur ökologisch bewußte Verbraucher heute einer solchen Farbe den Vorzug geben werden. Die Vermarktungsstrategien für all die großindustriell hergestellten Copolymer- und Silikon-Produkte werden noch lange greifen und wie jetzt schon, ihre teils verheerenden Wirkungen zeigen.

1878 erfand Edison die Sprechmaschine, die mit Wachswalzen arbeitete. 1895 wurden die ersten Schellack-Schallplatten,, erfunden von Emil Berliner,auf den Markt gebracht. Diese waren bis 1958 führend auf der ganzen Welt. Sie wurden dann durch die Langspielplatte aus Polymerisationskunstharzen ersetzt. Der bedeutendste Schellackverbraucher, die Schallplattenindustrie, schied aus.

Trotz dieser Umstellung stieg der Weltbedarf an Schellack durch Mehranwendung auf anderen Gebieten weiter an. Ein neuer Industriezweig griff das Naturprodukt Schellack auf. Ursache dieser Entwicklung war, daß die USA neuartige Fußbodenbeläge aus Kunststoffen auf den Markt brachte. Hierfür mußte ein entsprechendes Pflegemittel für den Fußbodenglanz her. Aus bescheidenen Anfängen entstand auf diesem Gebiete in den USA eine Großindustrie in für Europa bisher unbekanntem Ausmaße. Über 500 000t Fußboden-Emulsionen wurden jährlich hergestellt, die zwar zum größten Teil aus Carnaubawachs bestanden, zur Verbesserung der Qualität aber auch einen bestimmten Schellackanteil, der, obwohl gering, genügte, den Verlust in der Schallplattenindustrie mehr als auszugleichen. Wässrige Schellack-Emulsionen hinterlassen nach der Austrocknung Filme oder Rückstände, die in Wasser praktisch unlöslich sind. Filme aus wäßrigen Schellacklösungen besitzen außerdem einen ausgezeichneten Hochglanz, sehr gute Haftfestigkeit und Elastizität, alles Eigenschaften, die, verbunden mit der Wasserbeständigkeit des Schellacks, bis dato von Kunstharzen in wässriger Lösung in diesem Umfang nicht ganz erreicht werden konnten.

Heute ist das Carnaubawachs wie auch der Schellack lange durch Kunststoffe ersetzt worden, mit all den Nebenerscheinungen die wir langsam mitbekommen. In Indien und Thailand wird heute wieder soviel produziert wie Ende des letzten Jahrhunderts.

Vielleicht bringt das neue ökologische Denken in der Zukunft den Rohstoffen aus der Natur wieder die Geltung, die ihnen gebührt. Auf jeden Fall würde die Rückbesinnung auf die Nutzung nachwachsender Rohstoffe, die für den Farbenbereich zum großen Teil aus der Dritten Welt kommen, den armen Völkern wieder Arbeit und Brot geben. Bedenkt man dabei, daß in unserer industriellen Entwicklungsphase um die Jahrhundertwende fast alle Naturrohstoffe aus den damaligen Kolonien kamen und heute diese Völker selbst in den Genuß des Lohnes für ihre Arbeit kommen würden, wird die ganze Tragweite des obigen Wunsches sichtbar. Die Naturfarben-Konsumenten und -Produzenten treiben diese mögliche Entwicklung entschieden voran. Sie fordern z.B. kein Tropenholz mehr zu verwenden, um die Regenwälder nicht noch mehr zu zerstören. Durch die Nachfrage von Naturharz und Kautschuk u.a. wird der katastrophalen weltwirtschaftlichen Entwicklung wenigstens im Ansatz entgegengewirkt (siehe nächste Seite: “Rettet den Regenwald”). Außerdem fordern die Naturfarben-Produzenten auch von der Industrie ständig neue ökologische Produktionsmethoden. So kann z.B. der Schellack heute mit Aktivkohle (Kalkhof GmbH) entfärbt , und muß nicht mehr mit Chlor gebleicht werden.

Schiffsbodenfarbe

Dieses Anstrichsystem beruht auf der Tradition der Rathjen´schen “Patentfarbe” für Schiffsböden, die der Kapitän John Rathjen in Bremerhaven 1860 erfand. Bis 1917 verwendete u.a. die Kaiserliche Marine und danach noch die amerikanische Kriegsmarine als “Norfolk Paint” diese Schiffsfarbe. Aus ökologischen Gründen verzichten wir auf die ansatzverhindernden Giftzusätze aus Quecksilber, Arsenik, Kupfer und anderen Giften, die in diesen Antifoulings enthalten waren, und nutzen nur die sekundären Vorteile dieses Anstrichsystems:

Schnelle Trocknung und damit kurze Dockzeiten und die Seewasserbeständigkeit des Schellacks und empfehlen ein öfteres Reinigen und Überstreichen.

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