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Sehestedter Naturfarben

Lösemittelvermeidung bei den Naturfarben

Ein ökologisches Unternehmenskonzept eines Naturfarben-Produzenten

1. Vorstellung des eigenen Unternehmens „Dritte Haut Laden“

Vor 16 Jahren brannte mein Haus in Sehestedt.- Nur aus dem Chaos entsteht das Neue:
Beim Wiederaufbau bin ich durch Freunde auf die damals gerade aufkommenden Naturfarben gestoßen. Nach 5 Jahren des Abtastens und Studierens ist dann aus mir, dem Autodidakten das geworden was ich jetzt bin, der Naturfarben-Produzent Schleswig-Holsteins. Ich stelle in Sehestedt mit im Moment noch drei Angestellten 90 verschiedene Produkte her: Fußbodenöle, Wandfarben, Lacke, Lasuren, Fußbodenkleber, Pflegewachse, Reinigungsmittel...

Ziel des Unternehmens ist möglichst Rohstoffe aus nachwachsenden Ressourcen einzusetzen. Wo das nicht geht, wie z.B. bei Kreide, werden nur solche Rohstoffe verwendet, die die Umwelt nicht belasten, weder bei der Gewinnung, noch bei der Weiterverarbeitung, der Anwendung, noch bei der letztendlichen Entsorgung der aus ihnen hergestellten Produkte.

Die Herstellung und Bereitstellung von 90 verschiedenen Produkten in bis zu vier unterschiedlichen Abpackungen bedarf einer sehr kooperativen Produktionsweise des doch recht kleinen Unternehmens. Jeder der Mitarbeiter muß sich voll mit seiner Arbeitskraft einsetzen, und kann nicht darauf aus sein, „Fließbandarbeit“ leisten zu wollen oder nur auf Direktiven zu warten.

Eine weitere Beteiligung der Mitarbeiter am betrieblichen Entscheidungsprozess wurde angestrebt, scheiterte jedoch daran, daß niemand bereit war Risiken (auch finanzielle) mitzutragen. So gesehen ist der Aufbau des Unternehmens klassich hierachisch, wobei die notwendige Arbeitsteilung nicht negativ empfunden wird und das „Wir“ stets im Fordergrund steht.

Der Kontakt zum Kunden ist sehr eng, was besonders bei der Entwicklung von neuen Produkten und Veränderungen von Anwendungsweisen sich sehr vorteilhaft auswirkt.

Zwei Jahre dauert es, ein neues industrielles Produkt von der Entwicklung zur Marktreife zu bringen, bei uns sind es einige Wochen. So gesehen ist die Kleinheit des Betriebes als seine Stärke anzusehen.

In der heutigen fortschreitenden Konzentration des Kapitals und den damit verbundenen ständig größer werdenden einzelnen Unternehmen ist mein Firmenkonzept nicht rückwärtsgewandt anzusehen. Im Gegenteil strebe ich in der Zukunft an, im Franchise-System kleine Farbenfabriken regional aufbauen zu lassen, die alle diesen Kontakt zum Kunden, dem Handwerker und Endanwender pflegen, und ein zukünftiges Gegengewicht zu den industriellen Multiunternehmen bilden werden.

2. Geschichte der Naturfarben

Bekanntlich bin ich nicht der einzige Farbenhersteller, der so produziert. Vor 20 Jahren begannen in der Lüneburger Heide eine kleine Gruppe von Studenten nach alten Rezepten Wachse und Öle herzustellen, die als Reaktion auf die damals aufkommende allgemeine Verunsicherung durch die bekanntgewordenen Schäden durch Holzschutzmittel bald guten Absatz fanden. Aber von der Fachwelt wurden sie belächelt, ausgelacht, lächerlich gemacht. In dieser noch nicht lang zurückliegenden Zeit herrschte noch die unreflektierte Fortschrittsgläubigkeit, die erst in unseren Tagen leichte Risse aufweist.

Aus der ersten Naturfarbenfirma LIVOS entwickelten sich dann eine ganze Reihe von Konkurrenzunternehmen. Alle produzieren nach den nur gering von den Grundrezepten abweichenden gleichen Methoden.

Der Marktanteil der Naturfarben beträgt heute immer noch nur ca. 3%. Der Rest wird von der Chemischen Industrie abgedeckt. Aber dieser Naturfarben-Impuls hat in der ökologischen Bewegung einiges bewirkt. Nicht zuletzt weil gerade durch die Lösemittel-Emissionen und Ausgasungen anderer Bestandteile der Farben die ökologische Krise mit der eigenen Nase deutlich empfunden werden konnte.

3. Aufbau der Naturfarben

Wie unterscheidet sich eine Naturfarbe nun von einer ihr nachgebauten Chemiefarbe?

Grundsätzlich bestehen alle Farben, Kleber und Pflegemittel aus:

  1. Bindemitteln (z.B. Leinöl oder Acrylat)
  2. Füllstoffen und Wirkstoffen (Kreide oder Titandioxid)
  3. Farb-Pigmenten (Erdfarben oder synth.Farben)
  4. Lösemitteln (nat.Terpentin aus Kiefern od.Orangen oder Terpentinersatz)
  5. Hilfsstoffen wie Lösungsvermittlern, Konservierungs- und Trockenstoffen (Kasein , synth.Emulgatoren)

Oft kann ein Rohstoff sowohl als Bindemittel als auch als Wirkstoff, Pigment usw. eingesetzt werden. Es kommt also darauf an, welche Stoffe verwendet werden, wie sie miteinander, und wie die Produkte nach außen wirken.

Ökologisch betrachtet sollten alle Produkte, die wir Menschen herstellen, der Natur nachgebildet sein, d.h. sie sollten das ökologische Gleichgewicht nicht stören, nicht bei der Herstellung, nicht beim Gebrauch und nicht bei der Entsorgung. Jeder Rohstoff sollte vor dem Einsatz in Bezug auf diese drei Kriterien diskutiert werden. Das Ergebnis ist meist, daß der Einsatz von Rohstoffen aus nachwachsenden Ressourcen am sichersten ist. Übrigens wird Erdöl oft auch als Naturstoff bezeichnet, es kommt ja auch noch nicht vom Mond oder Mars, aber es wird erst (wenn überhaupt) in 20 Millionen Jahren nachgewachsen sein. Alle Pflanzenöle, wie Leinöl und Holzöl erfüllen die drei ökologischen Kriterien und sie wachsen nach. Natürlich muß der Reproduktionsprozeß der Pflanzen gut geplant werden. Flachs aus dessen Leinsamen das Öl gepreßt wird, darf den Boden nicht durch unkontollierten Großanbau auslaugen.

Nun gibt es unter den Bestandteilen der Naturfarben auch Rohstoffe wie Kreide, Gesteinsmehl, Talkum und Erdfarben-Pigmente, die wie das Erdöl nicht nachwachsen. Diese Natur-Rohstoffe greifen jedoch nicht in das ökologische Gleichgewicht ein, nicht beim Abbau, nicht bei der Produktion und nicht beim Gebrauch und bei der Entsorgung. Für das Lösemittel Terpentin, das aus dem Kiefernharz hergestellt wurde, ist das Surrogat Terpentinersatz, ein Erdölderivat. An diesem Stoff läßt sich vieles verdeutlichen. Die eigentlichen Löser im Terpentinersatz sind Benzol, Tuluol, Phenol und Xylol. Diese sogenannten Aromaten wirken krebserregend. Auf der einen Seite bringen uns diese Stoffe der Petrochemie eine Unabhängigkeit von der Natur, von den schwankenden, erntebedingten Rohstoffpreisen, auf der anderen Seite entstehen riesige Probleme, gesundheitliche, technische, eben ökologische.

Da verhalten sich die Produkte der Naturfarben-Hersteller ganz anders. Es zeigt sich immer wieder, daß eine mit Naturölen gepflegte Holzfläche weiterhin „atmen“ kann, dampfdiffusionsfähig und sorptionsfähig bleibt, sich gut anfühlt. Eine Wand mit einer Kasein-Naturharzfarbe gestrichen verbessert das Raumklima. Ein Naturharz-Latex-Kleber gibt keine giftigen Gase ab. Und ein mit Bienenwachs gepflegter Fußboden reduziert die elektrostatische Aufladung und damit die Staubbildung im Wohnraum.

Der Gesetzgeber hat in dem Bestreben dem Verbraucher einen Hinweis auf ökologischere Produkte zu geben den „Blauen Engel“ geschaffen. Hierbei handelt es sich um ein Siegel, welches darauf hinweist, daß dieses Produkt ökologischer ist als sein Vorgänger. Das bedeutet, daß Naturfarben und Fahrräder keinen Blauen Engel bekommen. Anders jedoch Toilettenpaier, das energieeinsparend produziert wurde. Die Idee des Blauen Engels wurde tatsächlich im Anschluß an die Ölkrise erfunden. Plötzlich war allen Menschen klar geworden, daß Erdöl auch einmal ein teurer Rohstoff werden könnte. Anstatt alles daranzusetzen alternative Energie- und Rohstoffquellen zu erforschen, haben wir uns fürs Sparen entschlossen. Wie inkonsequent dies jedoch gehandhabt wird, sehen wir an den sogenannten Blauen-Engel-Wasserlacken. Hier wurde das Lösungsmittel Terpentinersatz zu 90% durch Wasser ersetzt. Hinein kamen aber Acrylate, die wiederum sehr energieaufwendig aus dem Erdöl hergestellt werden und es bleibt noch mindestens ein Rest von 3 bis 15% an Terpentinersatz und Glykolen, mit allen gesundheitlichen Bedenken. Aber das steht nicht auf dem Etikett.

4. Lösemittel in den Naturfarben

Übrigens ist das eine der strikt eingehaltenen Vorgaben aller Naturfarbenhersteller, alle Inhaltsstoffe auf dem Etikett zu deklarieren. Eine Forderung, die heute von allen Umweltverbänden immer wieder erhoben wird.

Was steht nun in Bezug auf die Lösungsmittel der Naturfarben auf den Etiketten und was ist in den Dosen drin? Hierüber hat es schon bald Streit und Anfeindungen zwischen den Firmen gegeben.

Um Harze, Wachse und dicke Öle verarbeiten zu können bedarf es eines Verdünnungsmittels. Auch hier hat der Mensch es in früheren Zeiten der Natur abgeschaut: Um Verletzungen zu schützen produzieren einige Bäume einen dickflüssigen Saft, das Balsam (von hebräisch: balsam = wohltuend, angenehm). Balsame sind Lösungen von festen Harz-Bestandteilen (Harzalkohole, Harzester, Harzsäuren, hochmolekularen Kohlenwasserstoffen) in etherischen Ölen (z.B. Terpentinöl). An der Luft erhärten die zähflüssigen Balsame allmählich, da das flüchtige Öl verdunstet, wobei häufig klare, glasartig amorphe Massen zurückbleiben. Um das Harz und die flüchtigen Bestandteile zu gewinnen werden die Bäume, zur Hauptsache Kiefern, verletzt, angeritzt. Aus dem dann ausfliessende Dickterpentin wird durch Destillation Balsamterpentin gewonnen. Zurück bleibt Kolophonium, ein auffallend splittriges Harz minderer Qualität. Das Balsamterpentin ist ein hervoragender Löser für alle Harze und Wachse. Leider wirkt es hautreizend. Die sogenannte Terpentin-Allergie wird in Verbindung gebracht mit dem Gehalt an D-Caren und a-Pinen, denen eine Ekzem auslösende Wirkung zugeschrieben wird. Aus diesem Grund ist Balsamterpentin in die MAK-Liste aufgenommen worden.

Die Naturfarbenhersteller wurden sodann in den Anfangsjahren auch hauptsächlich wegen der Verwendung des Balsamterpentins kritisiert. Schon bald wurde fast nur noch Orangen-Terpentin eingesetzt. Alle Produkte rochen intensiv nach Zitronen, Orangen und Pampelmusen. Für den Heimwerker eine reizvolle Altenative zu den übel stinkenden BTXen. Ich produziere aber zur Hauptsache für den Handwerker. Arbeitet nun ein Tischler oder Maler den ganzen Tag, vielleicht sogar in geschlossenen Räumen, so hat er am Abend Kopfschmerzen. Ich habe dies zum Anlass genommen eine für meine Kunden gesündere Alternative zu suchen. Die Petrochemie bietet ein aromatenfreies Testbenzin an, in dem zwar die Löser fehlen, aber ein 5%-iger Zusatz von Balsam- und Orangenterpentin erfüllen die technische Aufgabe. Ähnlich haben übrigens die meisten Naturfarben-Hersteller gehandelt. Es ist ein ökologischer Kompromiss. Ab 1995 werde ich ein Lösungsmittel eines französischer Herstellers einsetzen, das aus natürlichen Kohlenwasserstoffen zusammengesetzt ist, also aus nachwachsenden Ressourcen hergestellt wird. Zur Hauptsache ist Balsamterpentin der Rohstoff. Das Produkt ist dank der besonderen Produktionsmethode aber frei von allergenen Stoffen und das ist das Besondere: Die Abbaubarkeit des Produktes wurde nach der Norm OCDE 301 D getestet. Die 28 Tage lang durchgeführten Versuche basieren auf dem Messen vom Sauerstoffverbrauch und ergeben nach 14 Tagen einen Abbaubarkeitsgrad von 88%. Im Vergleich dazu sind die Isoaliphate nur zu 15% biologisch abbaubar.

Dieses biologisch abbaubare Lösungsmittel ist natürlich wieder teurer als das was industriell an Lösungsmitteln eingesetzt wird, aber solang der Erdölpreis so niedrig ist, wird das Preisgefälle der Produkte aus Rohstoffen der Petrochemie zu den Naturprodukten so bleiben wie es ist. 5. Öl in Wasser Der Weg, das Lösungsmittel frei von Kohlenwasserstoff zu machen, ist sicher die erstrebenswerteste Lösung. Aber es ergeben sich hierbei viele Schwierigkeiten. Besonders wenn sich der Hersteller auf die Fahne geschrieben hat, nur Rohstoffe aus nachwachsenden Ressourcen zu benutzen. Darin sind sich alle einig, Wasser ist der ökologisch beste Verdünner den wir haben. Aber nun bekommen Sie einmal Öl oder Fette, Wachse und Harze ohne Probleme ins Wasser und dann auch noch so, daß sie stabil dort verbleiben. Nun auch das hat uns die Natur vorgemacht. Nehmen Sie z.B. die Milch, hier befinden sich feinstverteilt Fettkügelchen im Wasser. Wir haben hier eine Öl-in-Wasser-Emulsion, die beliebig mit Wasser verdünnbar, und auch einigermaßen stabil ist.

Exkurs: Unter Emulsionen versteht man eine Dispersion zweier nicht miteinander mischbarer Flüssigkeiten, z.B. Wasser und Öl, von denen die innere, offene, disperse Phase in Form feinster Tröpfchen in der äußeren, geschlossenen Phase, im Dispersionsmittel, verteilt ist. Dabei werden viele kleine Tröpfchen gebildet, wobei die Oberfläche der verteilten Flüssigkeit beträchtlich vergrößert wird.

Die kleinen Tröpfchen haben eine wesentlich höhere Energie als die zusammenhängende Ölphase. Diese Energie, die auch als Oberflächenspannung (d) bezeichnet wird, wirkt der Verteilung der Ölphase entgegen und ist parallel zur Oberfläche (F) gerichtet. Daraus resultiert, daß Arbeit (W) geleistet werden muß, um den Zustand der Emulsion zu erreichen.

dW = DF . d

Diese Arbeit kann durch mechanische Energie, in den meisten Fällen durch ein Rührgerät, oder durch die physikalisch-chemische Energie eines Emulgators zugeführt werden. In der Praxis wendet man jedoch immer eine Kombination beider Energiearten an. In Fällen, in denen Phasen in fester Form vorliegen (z.B. Wachs) kommt als dritte Energie die Wärme hinzu, da vor dem Emulgieren die zu emulgierenden Phasen flüssig vorliegen müssen.

Die mechanische Arbeit kann durch Herabsetzen der Oberflächenspannung erheblich vermindert werden.

Stellt man eine Emulsion nur mittels mechanischer Energie her, liegt ein disperses System vor, das sich in einem sehr instabilen Zustand befindet. Die gebildeten Teilchen fließen schnell unter Aufgabe des Emulsionszustandes zusammen, wobei im Endzustand beide Phasen wieder getrennt nebeneinander vorliegen. Eine Emulsion soll jedoch ausreichend stabil gegen mechanische, thermische und zeitliche Einflüsse sein. Um dies zu erreichen müssen meist Hilfsmittel angewandt werden, die die Entmischung der beiden Phasen unterbinden, bis die Emulsion ihre Bestimmung erfüllt hat. Dies kann durch Stabilisatoren und/oder Emulgatoren erreicht werden.

Der Schlüssel zur Lösung der Entwicklung einer stabilen Emulsion liegt zweifellos in der Auswahl der richtigen Emulgatoren und Stabilisatoren, sowie im richtigen Verhältnis der beiden Stoffe zueinander. Ökologisch betrachtet sollten die Stabilisatoren die Hauptaufgabe übernehmen und so wenig wie möglich Emulgatoren eingesetzt werden.

Emulgatoren setzen die Grenzflächenspannung zwischen den beiden Phasen herab und erreichen durch die Veringerung der Grenzflächenarbeit auch eine Stabilisierung der gebildeten Emulsion. Letzteres ist im Grunde genommen die Hauptaufgabe der Emulgatoren, bedeutsamer als die primäre Verteilung, da hierfür mechanische Mittel in ausreichendem Maße zur Verfügung stehen.

Die ältesten Emulgatoren sind Kasein und das Hühnerei. Eidotter ist wegen verschiedener Inhaltsstoffe ein ganz ausgezeichneter Emulgator. Es vermag etwa 700% öliger Substanz zu binden und ist der leistungsfähigste Emulgator den wir kennen.

Zur Herstellung einer Cremegrundlage wurde erstmals 1885 Wollfett als Emulgator eingesetzt. Außer Wollfett eignen sich auch höhere Fettalkohole und verseiftes Bienenwachs als W/O-Emulgatoren, alles grenzflächenaktive Verbindungen und damit Tenside.

Es sind im Wesentlichen dieselben Stoffe, die auch in waschaktiven Formulierungen eingesetzt werden, also wasserlöslich sein müssen. Ein „Zuviel“ dieses Stoffes wird in Anstrich- und Pflegemitteln von Holz und Metall also immer falsch sein weil die Emulsion abwaschbar wird.

Stabilisatoren können durch Viskositätserhöhung, durch Verdickung und durch Ausbildung mechanisch-stabiler Grenzflächenfilme die auf mechanischem Weg hergestellten Emulsionen stabilisieren.

Viele der Verdickungsmittel (Hydrokolloide) sind befähigt, mit den emulgierenden Teilchen in Wechselwirkung zu treten, indem sie sich komplexartig an die zu schützenden Teilchen anlagern. Sie verstärken hierbei deren Ladung oder deren Solvathülle oder auch beides.

Zu den Hydrokolloiden gehören z.B. die Naturstoffe Gummi Arabicum, Tragant, Agar-Agar, die verschiedensten Cellulosen, die heute meistgebräuchlichen Polyacrylate, Produkte der Petrochemie mit übrigens hohem Energieaufkommen bei der Herstellung und Polysaccharide.

6. Chitosan

Gesucht war also ein Werkstoff, der bewirkt, daß Öl, Harz und Wachs wasserverdünnbar wird aber im trockenen Zustand als Anstrichmittel wasserabweisend und abriebfest wird.

Aufmerksam geworden durch die Klebstoffstudie, die das schleswig-holsteinische Umweltministerium in Auftrag gegeben hatte, bot sich der Naturstoff Chitosan an. Die Anwendungen und Einsatzmöglichkeiten in der Wirtschaft Schleswig-Holsteins von Chitin, Chitosan und der Derivate wurden dann durch Prof.Peter im Auftrage des Ministers für Natur, Umwelt und Landesentwicklung des Landes Schleswig-Holstein untersucht.

Chitin ist ein natürliches, stickstoffhaltiges Polysaccharid. Es kommt in zahlreichen Organismen, insbesondere aber in Insekten, Crustaceen und Pilzen vor. Chitin ist nach Cellulose das zweithäufigste Polysaccharid.

Chitin wird vor allem in Japan und in den USA aus Abfällen der Krabbenfischerei gewonnen. Auch in Schleswig-Holstein wird daran gedacht, die Schalen der Krabben zu verwerten und nicht wie bisher als Abfall, oder höchstens noch als Viehfutter zu entsorgen.

Mittels alkalischer Hydrolyse der Acetylgruppen erhält man aus Chitin das hochkationisch geladene Polysaccharid Chitosan. Chitin ist nicht toxisch, während die akute Toxizität von Chitosan als sehr gering einzustufen ist. Chitosan wirkt antibakteriell und fungistatisch. Beide Polymere sind biokompatibel und durch natürliche Enzyme abbaubar.Weltweit ist eine starke Zunahme der Forschungsaktivitäten auf dem Gebiet Chitin/Chitosan zu verzeichnen. Anwendungsgebiete sind die Kosmetik, die Lebensmittelindustrie (Proteinfällung und Käsemolkebehandlung) und Landwirtschaft (Coaten von Saatgut und Früchten)*, die Medizin (die chemische Grundstruktur ist vergleichbar mit der von Haut, Haar und Cellulose) und die Wasserbehandlung.

Chitin und Chitosan sind durch natürlich vorkommende Enzyme gut abbaubar. „Es ist daher zu erwarten, daß die Polysaccharide als stickstoffhaltige Naturstoffe einer Kompostierung zugeführt werden können. Im Vergleich mit zahlreichen Kunststoffen, die synthetisch aus Erdöl-Produkten hergestellt werden, und die nicht oder nur schwer mikrobiell abbaubar sind, entfällt auch das Argument eines Recycling zur Vermeidung von Abfallhalden.“ ( M.G.Peter, Chitin, Chitosan und Derivate , Kiel 1992,S.10)

Mit Hilfe des Chitosans ist es möglich alle Natur-Wachse und -Öle wasserverdünnbar zu machen. Der Festkörpergehalt der Produkte auf Terpentinbasis konnte gehalten werden. Teilweise enstanden völlig unerwartete Nebeneffekte, wie z.B. das zehnmal schnellere Trocknen des Fußbodenwachses.

Vereinfacht erklärt, kann man sich Chitosan als ein Groß-Polymer mit vielen Armen vorstellen. Jeder dieser Arme hält das Wasser fest. Das enorme Wasserrückhaltevermögen bewirkt eine rasche oberflächliche Trocknung, die beim Wachs eine Politur schon nach 10 Minuten zuläßt.

Da Chitin nach der Zellulose das zweitreichste Polymer in der Natur ist, bietet sich der Austausch gegen die auch in den Naturfarben viel eingesetzte Zellulose geradezu an. Es sei darauf hingewiesen, daß die Zellulose-Herstellung ökologisch problematisch ist (Abholzen der Kanadischen Wälder, Abwasserbelastung etc.). Chitosan verbessert seit einem halben Jahr die Sehestedter Wandfarbe durch erhöhte Abriebfestigkeit, noch bessere Streichbarkeit und Sorptionsfähigkeit. Es ist die Verbesserung der Wandfarbe, für die ich 1991 den Preis für das ökologische Bauen in Schleswig-Holstein bekommen habe.

Den größeren Fortschritt in der Weiterentwicklung der Naturfarben habe ich jedoch durch die Verwendung des Polysacharids Chitosan als Emulgator und Stabilisator bei der Herstellung lösemittelfreier Lasuren, Lacken und Pflegewachsen gemacht. Die Sehestedter Naturfarben haben diesen hochinteressanten Naturrohstoff aus nachwachsenden Ressourcen für die Naturfarben entdeckt.

7. Neue Produkte

Soll eine Farbe, ein Kleber oder ein Pflegemittel konzipiert werden, kommt es auf die Kriterien, auf die Anforderungen an, die an das Produkt gestellt werden. Zum Beispiel ein Lack oder eine Lasur, die im Außenbereich eingesetzt werdensoll muß wasserfest, aber sie muß auch dampfdiffusionsfähig bleiben. Sellen Sie sich zur Verdeutlichung einmal ein Holzfenster vor. Das Fenster ist das am beanspruchteste Bauteil am Haus. Die Sonne heizt das Holz enorm auf, es reißt durch das Schwinden auf. Der Regen findet eine große Angriffsfläche und wäscht die Holzbestandteile aus, es wird riefig. Im Winter sprengt dann das Eis in den Riefen und Ritzen das Holz und der Zerstörungsprozess nimmt seinen Lauf. Das Holz soll also vor dem Regenwasser geschützt werden. Viele Wege sind in der Vergangenheit gegangen worden. Ein Irrweg war, das Holz durch einen harten Kunstharzlack vor dem Regen zu schützen. Nach einiger Zeit, wenn die notwendigen Weichmacher den Lack verlassen haben, entstehen Haarrisse im Lack. Das Wasser findet hierdurch seinen Weg. Zum anderen ist ein solcher Kunstharzlack meistens so dampfdiffusionsdicht, daß der Wasserdampf, der aus der Wohnung nach Außen seinen Weg sucht, hinter dem Lack hängen bleibt. Das im Winter entstehende Eis läßt dem Lack blasenweise abplatzen. In neuerer Zeit ist die Indusrie dazu übergegangen, den Lack in dünnen Schichten als Lasur aufzutragen. Im Grunde genommen aber mit gleichartigen negativen Erfolgen. Erst die wasserverdünnten Lasuren mit Polyacrylaten bringen bessere Resultate.

Ich will noch einen Schritt weiter gehen und die wasserverdünnbaren Lasuren mit Polysachariden, eben mit Chitosan herstellen.

Auf diesem Weg ist bereits ein weißer und farbiger Wasserlack entstanden, der im Innenbereich verwendet werden kann. Im Außenbereich ist die Wasseraufnahme noch zu groß. Mit der Universität Kiel wird z.Zt. nach einem geeignetem Chitosan und anderen Additiven gesucht, die entsprechende Ergebnisse bringen. Die Deutsche Bundesstiftung Umwelt ist um Unterstützung dieses Forschungsvorhabens gebeten worden. Für ein wasserverdünnbares Fußbodenwachs, das besonders für die maschinelle Verarbeitung durch schnelle Trocknung Vorteile bietet, habe ich 1993 den Architektur-Preis fürs ökologische Bauen in Schleswig-Holstein bekommen.

Wie vielfältig die Möglichkeiten in der Verwendung des Chitosans auf dem besprochenen Sektor sind geht aus der Offenlegungsschrift DE 43 03 415 A1 meines Patentes beim Deutschen Patentamt hervor, aus dem ich zitiere:„Die erfindungsgemäßen Emulsionen lassen sich für Holzschutz im Innen- und Außenbereich, für Antifouling-Schiffsfarben im Unterwasserbeich, für Künstlerfarben und im Haushalt für diverse Pflegemittel sowie mit geeigneten Rohstoffen für Kosmetikartikel verwenden.Durch das erfindungsgemäße Mittel lassen sich viele Lasuren und Pflegemittel für Holz, Kork, Stein und Metall gut von lösungsmittelhaltigen auf wasserverdünnbare und lösemittelfreie Anstrichmittel umstellen. Da Chitosan ein exellenter Feuchtigkeitsvermittler ist, sind diese Anstrich- und Pflegemittel besonders für die Holzoberflächenpflege und den Kosmetiksektor sehr geeignet. Das Chitosan verbessert die Adhäsion und die Wasserresistenz von Öl- und Wachsfilmen. Die Produkte werden abriebfester, streichfähiger und gleichzeitig konserviert. Sie sind nicht nur ökologisch besser, sondern lassen sich zudem auch noch ökonomisch günstiger herstellen."

* Abschließend will ich noch auf eine hochinteressante neue Anwendungs- und Produktgruppe zu sprechen kommen mit der ich mich gerade beschäftige. Sie basiert auf dem Neemöl, einem Pflanzenöl aus den zerdrückten Samen des in Indien beheimateten, inzwischen jedoch auch in Afrika, Australien, Zentral- und Südamerika kultivierten Neembaumes (Azadirachta indica). Die Zusammensetzung des Neemöls hängt stark von der Herkunft des Öls ab. Wichtigste Bestandteile sind verschiedene Stereoisomere und Derivate von Azadirachtin (50-4000ppm). Weiterhin sind zahlreiche Limonoide sowie verschiedene Disulfide enthalten, die den knoblauchartigen Geruch des Neemöls verursachen.

Neemöl kann als natürlicher Fraßhemmer und Insektizid im Holz- und Pflanzenschutz eingesetzt werden. Diese Wirkungen sind auf Azadirachtin zurückzuführen. Es verursacht Wachstumsstörungen im Larvenstadium der Tiere. Für Säugetiere ist es nicht toxisch.

Das Öl ist in seiner Wirkung dem reinen Wirkstoff überlegen, was auf die stabilisierende Wirkung des Öls bzw. auf seinen Gehalt an anderen wirksamen Substanzen zurückzuführen ist. Wässrige Samenextrakte bzw. Emulsionen des Öls werden traditionell in Indien als Insektizide eingesetzt und stellen eine wichtige Alternativezur Verwendung synthetischer Neurotoxine dar. In Indien werden ca. 80 000 jato Neemöl hergestellt, die allerdings größtenteils der Seifenproduktion zugeführt werden.

Das mit dem Chitosan emulgierte Neemöl kann zu hochwirksamen Bekämpfungsmitteln des Holzwurmes und des Hausbocks und anderer schädlicher Käferlarven werden, also zu einem insektiziden Holzschutzmittel. Aber auch ein Einsatz in der Forst- und Landwirtschaft als Borkenkäfer bekämpfendes Spritzmittel oder an ein Saatgut coatendes Präparat kann gedacht werden. Selbst den Kleingärtnern kann so ein Mittel an die Hand gegeben werden, mit dem sie die Würmer von ihren Äpfeln fern halten können, ohne daß sie ein schlechtes Gewissen zu bekommen brauchen, wenn ihre Kinder und Enkel diese im Herbst verzehren.

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